Sven, ein stacheliger grüner Weihnachtsheld

Es weihnachtet sehr…

Wie jedes Jahr werden gerade wieder gefühlt Trillionen von Tannenbäumen unterschiedlichster Art überall zum Kauf angeboten.

Und wie jedes Jahr hoffen und bangen gefühlt Trillionen von Tannenbäumen unterschiedlichster Art auf einen  Käufer, der sie rechtzeitig vor dem Heiligen Abend aus der anonymen Menge von Trillionen von Tannenbäumen unterschiedlichster Art herauspickt und als “mein Baum des Jahres” mit nach Hause nimmt.

Der Baum an sich ist ja, wie wir unschwer an der Ansammlung von Bäumen in  Wäldern erkennen kann, ein Herdengewächs. Als solches unterliegt er einem tief verinnerlichten Drang, sich nicht allzu weit von seiner Baumherde zu entfernen. Daher stehen auch die Kandidaten für den Weihnachtsbaum des Jahres immer in Gruppen zusammen. Je näher der 24. Dezember aber rückt, desto unruhiger werden sie. Die Solidarität weicht auf. Fluchttendenzen werden spürbar. Spätestens am 23. Dezember greift Panik um sich.

Ein Weihnachtsbaum spürt nämlich schon in dem Moment, in dem das Samenkorn die ersten zarten Würzelchen schlägt und zu keimen beginnt, seine Bestimmung. In seinen Träumen sieht er sich, schön geschmückt, mit Lichtern bestückt, umringt von glücklichen Menschen, die entspannt Geschenke austauschen. Die Mythen der Alten, die man sich in der Weihnachtsbaumcommunity seit Äonen zuraunt, tragen ihren Teil dazu bei, diese Träume am Leben zu halten.

Sicherlich, es gab hier und da Gerüchte,  nicht alle Bäume hätten am Heiligabend einen Platz gefunden  – aber was sind schon Gerüchte? Und war es nicht zu schrecklich, als dass man über die Folgen nachdenken wollte? Ein echter Nordmanntannenweihnachtsbaum kann nur ins Nordmanntannenweihnachtsbaumwalhalla eingehen, wenn er seiner Aufgabe nachgekommen ist…. Die Konsequenzen, sollte ihm das nicht möglich sein, waren undenkbar, und es war ein ungeschriebenes Nordmanntannenweihnachtsbaumgesetz, diese nicht zu thematisieren.

So erging es auch dem Helden unserer Geschichte.

Bis zum Nachmittag des 23. Dezember 2017 war er ein namenloser kleiner Tannenbaum, der ein wenig waidwund (denn man hatte ihn nicht nur abgesägt und aus der Mitte seiner Brüder und Schwestern gerissen, sondern auch noch im wahrsten Sinn des Wortes ans Kreuz geschlagen – äh, geschraubt) vor der sich in stetem Fluß der hinein- und herausströmenden Kunden  öffnenden Automatiktür eines Baumarktes  inmitten von anderen namenlosen kleinen Tannenbäumen in der nieseligen Kälte einer mittelhessischen Kleinstadt stand.

Schon länger stand er so da, denn unser namenloser Held war mit vielen anderen zusammen auf einen LKW gepfercht worden, seine Ärmchen verbogen, und als der Moment der Befreiung nahte, hatte man ihn gepackt und ihm zwei im 90° Winkel verbundene Brettchen mit Hilfe einer 12 cm langen Schraube an der Unterseite seines Stämmchens festgebohrt.

Dummerweise hatte der Mann mit der Säge auch nicht darauf geachtet, eine gerade Schnittkante zu ziehen, und so stand unser kleiner grüner stachliger Held auch noch etwas schräg in der Weltgeschichte rum.

Menschen liefen achtlos an ihm vorbei. Manchmal nahm einer einen der größeren Bäume mit, die in dem eingezäunten Bereich auf dem Parkplatz des Baumarktes standen, vor dessen Eingangstür man unseren kleinen Helden und seine 5 Kumpel zum Kauf anbot. Es wurde später und später. Die Stimmung sank auf den Nullpunkt.

“Warum nimmt uns denn keiner mit?” flüsterte das Bäumchen hinten links. “Wir sind doch wie dafür geschaffen, auch in einem kleinen Häuschen gut auszusehen. Immer kaufen sie nur die Großen!” Die anderen murmelten zustimmend. Aber was blieb ihnen anderes übrig als zu warten?

Als unser kleiner Held schon dabei war, all seine Hoffnungen und Träume zu vergraben, mutlos an sich runterschaute und kritisch reflektierte, dass auch seine Ärmchen nicht alle gleich lang und symmetrisch angeordnet waren, fiel plötzlich ein Schatten auf ihn.

Hätte er hochschauen könne, hätter er hochgeschaut. So spürte er nur, wie er vorsichtig angefasst und hochgenommen wurde. Ein blondes Mädchen in einer dicken Winterjacke mit einem rosa Schal um den Hals dreht ihn um die eigene Achse, lachte und sagte “du bist ja ein Süßer. Aber auch total schief!” Dann stellte sie ihn wieder auf den Boden.

Hoffnung keimte auf in unserem stachligen Helden. “Süß” hatte sie ihn genannt. Er hatte immer gedacht, “süß” sei etwas, was man essen konnte, aber vielleicht hatte er sich ja auch getäuscht. Sie klang auf alle Fälle nett…. Sollte sie vielleicht…. nein – sie würde doch nicht – oh nein…. Sie ging weiter in den Markt hinein, ohne ihn weiter zu beachten. Unser kleiner Held ließ traurig die Ärmchen hängen. So nah dran und doch nichts erreicht. Er war am Boden zerstört. Die Schraubenwunde in seinem Stämmchen schmerzte, als ob sie sich über ihn lustig machen wollte, aber noch viel mehr schmerzte ihn die Erkenntnis, daß ihm im wahrsten Sinn des Wortes die Zeit davon lief. Seine Kumpel versuchten ihn zu trösten, aber ihre Worte verhallten von ihm unbeachtet.

Das Mädchen mit dem rosa Schal kam wieder aus dem Markt. Sie hatte offensichtlich dort etwas eingekauft. Als sie an ihm vorbeiging, warf sie ihm noch einen kurzen Seitenblick zu und tippte etwas in ein kleines Gerät ein, das sie in der Hand trug. Unser kleiner Held versuchte, ihr noch nachzuschauen, aber immobil wie er war, gelang ihm das nicht.

Er konnte natürlich nicht ahnen, was sie da in das kleine Gerät eingetippt hatte, das er, hätte er sich mit den Segnungen der modernen Technik ausgekannt, als Mobiltelefon entlarvt hätte. Das blonde Mädchen in der dicken Winterjacke mit dem rosa Schal tauschte Nachrichten mit ihrer Freundin aus.

So starrte unser kleiner Held weiter in das trübe Grau des naßkalten Nachmittags. Er beachtete nicht das weiße runde Auto, das sich entgegen der Pfeilrichtung auf der Fahrbahn plötzlich am Eingang des Baumarktes an ihnen vorbeischob und in einer Parklücke nicht weit weg von ihm anhielt. Er hörte auch nicht, wie eine weibliche Stimme zu dem Mann, der Weihnachtsbäume in Netze einpackt, sagte “Wie läuft das denn, wenn ich so einen kleinen Baum hier mitnehmen will – zahle ich den drinnen?”. Er hörte auch nicht, wie der Mann, der Weihnachtsbäume in Netze einpackt, sagte “Da müssen Sie das Schildchen vom Baum abmachen und an der Info zahlen gehen. Ich pack’ ihnen den derweil schon ein bißchen ein”. Und weil er darauf nicht geachtet hatte, dachte er auch zunächst, er habe ein Déjà-vu, als ein Schatten über ihn fiel und er wieder vorsichtig angefaßt wurde.

Das aufgeregte Wispern seiner Kumpel deutet ihm an, daß plötzlich etwas ganz ganz wichtiges vor sich ging. Er spürte, wie ihm das Gummibändchen mit dem Etikett vom Ärmchen gezogen wurde. Dann entfernte sich das blonde Mädchen in der dicken Winterjacke mit dem rosa Schal wieder und bevor er sich es recht versah, griff der Mann, der Weihnachtsbäume in Netze einpackt, nach ihm und zog ihm ein grobmaschiges Gewirk aus kratziger Kunstfaser über.

Dann ging alles ganz schnell. Er, wurde er mitsamt dem kratzigen Plastikgespinst in eine Art Tasche gestellt, und das blonde Mädchen in der dicken Winterjacke mit dem rosa Schal versuchte, ihn in den Laderaum des weißen runden Autos zu verstauen.

Sie murmelte irgendetwas, dessen Sinn sich ihm nicht erschloß, und einen kurzen Moment fürchtete er, sie würde ihn wieder dort abstellen, wo er herkam. Aber nicht doch – sie nahm die Tüte dort weg, öffnete die Tür des runden weißen Autos und sagte entschlossen. “So, Svenni, schön anschnallen”.

Dann schloß sie die Tür. Von außen drangen gedämpft noch die Rufe seiner Kumpels ins Wageninnere – “viel Glück! Mach’s gut! Du rockst das! Nordmanntannenpower!!!” – dann waren nur noch die Fahrgeräusche und laute Musik zu hören. Unser kleiner stacheliger Held freute sich still vor sich hin… Er hatte einen neuen Besitzer. Er durfte in einem schönen Auto mitfahren. Ok, die rosa Tüte und das blöde Netz, in dem er gefangen war, waren einer stolzen, 80 cm großen Nordmanntanne nicht würdig, aber vielleicht würde sie ihm das ja auch noch abnehmen. Und einen Namen hatte sie ihm auch gegeben. Sven. Wie ein Wikinger. Ein stolzer Name für eine stolze, 80 cm große Nordmanntanne. Alle Anspannung war auf einmal wie weggeblasen. Sven war aufgeregt – was würde wohl auf ihn zukommen?

Kurze Zeit später hielt das runde weiße Auto in einer Einfahrt. Das blonde Mädchen in der dicken Winterjacke mit dem rosa Schal stieg aus, ging um das runde weiße Auto herum, öffnete die Tür und löste den Gurt, mit dem sie Sven auf dem Beifahrersitz gesichert hatte. Sie trug ihn ein kurzes Stück durch einen Garten und stellte ihn dort dann auf einer Terrasse ab.

Sven schaute sich neugierig um. Hinter ihm stand auf dem Rasen eine Pinguinfamilie mit einem dicken Babypinguin, die ihm freundlich mit den Flügeln zuwinkten. “Hallo!! Willkomen!! Wir leuchten!!” erklärten sie ihm.

Sven kam aus dem Staunen nicht heraus. Eine Weile stand er so da, und auch wenn die gruselige rosa Tasche ihn nicht mehr umschloss, war das nervige Netz noch da und verdrehte seine Ärmchen ein wenig. Er wurde unruhig. Aber da kam auch schon das blonde Mädchen, das jetzt die dicke Winterjacke mit einem schwarzen Pullover vertauscht hatte, und den Schal trug sie auch nicht mehr. Mit einer Schere schnitt sie das Netz durch, sodaß Sven seine Ärmchen ausschütteln und -strecken konnte. Dann griff sie zu einem Werkzeug, mit dessen Hilfe sie die lange Schraube aus Svens Stämmchen entfernte und das billig anmutende Holzkonstrukt unter ihm wegnahm.

Mit Hilfe eines eisernen Sonnenschirmständers bastelte sie ihm eine Haltevorrichtung, in der auch genug Wasser ist, damit unser kleiner Held nicht Durst leiden muss. Zudem wirkte unser kleiner Held gleich noch etwas größer als die 80 cm große Nordmanntanne, die er sowieso schon vorher gewesen war. Ziemlich glücklich und zufrieden schaute Sven von seiner Halterung aus in seine neue Umgebung. Sie gefiel ihm ausnehmend gut. Er hätte es sicher schlechter treffen können. Und nun brachte das blonde Mädchen auch noch eine Kiste mit roten Kugeln und Perlenketten!!!

Svens kleines Nordmanntannenweihnachtsbaumherz machte Luftsprünge. Genau das war es, wovon die alten Sagen in seiner Heimat immer berichtet hatten. Schön geschmückt, mit Lichtern bestückt – nun gut, daß er jetzt draußen stand und statt eines Kaminfeuers eine Pinguinfamilie hinter ihm leuchtete – das war jetzt halt so.

Nachdem alle Kugeln aufgehängt waren, packte das blonde Mädchen einen andere kleinen Karton aus. “LED-Lichterkette” konnte Sven entziffern. Er sah, wie das Mädchen die Stirn runzelte. Sie las “200 Lichter – 29 Meter”. Neunundzwanzig Meter??? Sven war kein Mathegenie, aber eine Länge von 29 Metern sollte reichen, um ihn fast dreißigmal mit dieser Lichterkette zu umwickeln. Er erstarrte. Er würde aussehen, wie eine Supernova kurz nach der Implosion. Sven verlor alle Zuversicht. Er würde der Lächerlichkeit preisgegeben sein. Sein Bild würde in allen Zeitungen erscheinen. Die Nachrichten würden über ihn berichten. “Seht her, der hellste Weihnachtsbaum der Welt”. Angsterfüllt starrte er das Mädchen an. Seine Ärmchen zitterten ein wenig. Als das Mädchen mit dem Kopf schüttelte und zu sich selbst sagte “Neee, geht gar nicht. Das muß ich umtauschen”, fiel unserem kleinen grünen Helden ein Stein von seinem Nordmanntannenweihnachtsbaumherzchen. Er konnte durch das Terrassenfenster sehen, wie sie wieder in die dicke Winterjacke schlüpfte und den rosa Schal umlegte, um kurz danach mit dem runden weißen Auto davonzubrausen. In Sekundenbruchteilen – zumindest fühlte es sich für ihn so an – war sie wieder zurück.

“Schau, Svenni. 40 Lämpchen. Das schickt. Und batteriebetrieben. Für draußen. Das ist genau das, was du brauchst”.

Und so steht er nun da, unser kleiner grüner stachliger Held. Die Pinguinfamilie hinter ihm leuchtet wirklich. Wie eine Supernova kurz vor der Implosion.

Aber Sven ist froh, dass er da sein darf, wo er jetzt ist.

Schön geschmückt. Mit Lichtern bestückt.

Auch wenn er draußen steht und nicht vor dem Kamin.

Durch das Terrassenfenster wird er trotzdem glückliche Menschen sehen können, wie sie  entspannt Geschenke austauschen…

 

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