Saponificare humanum est

Saponificare humanum est

Hallo liebe Freunde des gepflegten Törtchengenusses.

Heute muss ich euch bitter enttäuschen.

Dieser Beitrag behandelt – oh Wunder – nichts Essbares.

Nein!

Doch!

Ohhh!

Ich hätte natürlich noch die Zitronen-Mohn-Plätzchen hier verewigen können, die ich zu Weihnachten gebacken hatte. Vielleicht tu’ ich das auch noch. Aber da uns allen wahrscheinlich die weihnachtliche Hyperglykämie noch in den Zellen steckt (auch wenn damit jede Zelle meines Körpers glücklich ist), zeige ich euch mal was völlig neues.

Einige von euch haben uns auch dieses Jahr wieder virtuell in den Urlaub begleitet. Es ging (ich wiederhole mich – oh Wunder) NICHT nach Bella Italia. Nein, nachdem wir zum 14Juillet schon in Paris waren, hatten wir uns dieses Jahr dazu entschieden, Luxusurlaub in Europa zu machen.

Südfrankreich stand auf dem Plan. Das Ziel hatte nur ein ganz kleines bischen was mit “freilebenden Flamingos in südfranzösischen Sumpfgebieten” zu tun.

Der erste Anlaufpunkt unserer Reise war Marseille. Marseille ist nach Paris zwar nur die zweitgrösste, dafür aber die älteste Stadt Frankreichs. Früher eher dafür berüchtigt, ein Drecksloch voller Krimineller zu sein, hat es sich nicht zuletzt durch seine Rolle als Kulturhauptstadt Europas im Jahre MMXIII wirklich beindruckend herausgemacht. Wir hatten unser Hotel in Laufweite des Vieux Port, und gelaufen sind wir wirklich viel. Unter anderem in das Musée du Savon de Marseille der Savonnerie La Licorne. La Licorne heisst auf Deutsch “Einhorn”. Aber auch das war eher Zufall.

Seife wird in Marseille bereits seit dem 14. Jahrhundert hergestellt. 1688 erliess Louis XIV (L’état, c’est moi – ihr erinnert euch? Einer meiner Geschichtslehrer hat das mal frei mit “ich bin die Sonne, um die sich alles dreht” übersetzt. Seine Kenntnisse der Geschichte waren deutlich besser als sein Französisch) ein Dekret, worin geregelt wurde, dass Seife aus Marseille nur aus Olivenöl hergestellt werden darf. Es müssen keine Oliven aus Marseille sein. Irgendwo habe ich mal gelesen, dass heute die grössten Produzenten von Savon de Marseille die Türkei und China sind. Vive la Globalisation! Auf Wikipedia ist ein kleiner Abriss über das wie und was der Marseiller Seife – wenn es denn beliebt.

Aber ich schweife ab. Gefühlt ist alles in Südfrankreich voller Seife. Wir haben im Museum nach der erfolgten Besichtigung unser eigenes lila Seifenklötzchen bestempeln dürfen

und uns später, zunächst in Le Lavandou und zum Schluss auch noch in der entzückenden Altstadt von Lyon, mit Seifen aller Couleur und Düfte eingedeckt. Einen Grossteil davon haben wir als Mitbringsel verschenkt, aber einige davon beduften z.B. die Gästetoilette in Rauni oder schäumen zart rosa in Smallville den Schmutz von des Superbinchens Bäckerfingern.

Wie es nun mal so ist – irgendwann suchte ich dann im weltweiten Netz nach “Seifen selbst machen”. Es gibt da so langweilige Sachen wie Seifen giessen, wo man fertige Seifen einschmilzt und die in Förmchen giesst. LAAAANGWEILIG. Das muss pritzeln. Immerhin ist hier Natronlauge im Spiel. Uhhhh… Horatio Kane, bitte übernehmen Sie… Natronlauge, aus kristallinem Ätznatron (der Name ist Programm) hergestellt, ist, unsachgemäss gehandhabt, kein Spass (zumindest liest man das überall). Also das ideale Mittelchen für mich, die sonst keinen Moment auslässt, um sich am Kamin, am Wasserkocher oder einfach nur mit einem schnöden Küchenmesser fies zu verletzen.

Gute Vorbereitung ist alles. Ein kleidsamer, figurschmeichelnder Laborkittel war auf einem Kleinanzeigenportal schnell gefunden (die Sicherheitsfilzpantoffeln im Bienchendesign hatte ich schon)

Zur Ausrüstung gehören auch noch Handschuhe (Einweg oder normale Haushaltshandschuhe reichen. Es ist mehr Spritzschutz als “ich knete die Masse mit den Händen”). Und eine Brille. Ich trage ja sowieso eine (ohne wäre das auch mal lustig), aber ich hab für 5 Öri eine Überbrille gekauft, die an den Seiten mehr geschlossen ist als eine reine optische.

Wenn man sich mal entschieden hat, welche seiner Silikonbackformen man in Zukunft NICHT mehr zum Backen verwenden möchte, weil sie nach dem Befüllen mit parfümierter Seifenmasse den sich darin festgesetzt habenden Duft ans Backwerk weitergeben, muss man nur noch warten, bis die Päckchen mit Rührgefässen, Silikonspateln et cetera geliefert wird. Auch bei den Küchenutensilien sollte man nicht die verwenden, in denen man des morgens dann den Grünkohlsmoothie püriert. Es ist weniger die Gefahr, die von der darin gemischten (und sich nach ein paar Stunden zu Seife verwandelt habenden) Lauge-Öl-Mischung ausgeht, es ist wirklich eher der Duft des ganzen.

Ihr glaubt gar nicht, was man alles zum Verseifen benutzen kann. Ich bin seit ein paar Tage ein noch recht passives Mitglied einer englischsprachigen Seifensiedergruppe auf einem grossen sozialen Netzwerk. Da ist die aktuelle Diskussion gerade, wie man Muttermilch mit reinmischt. Also, wie andere Ziegen- oder Schafmilch benutzen, haben dort einige Ladies von der letzten Schwangerschaft noch einen Vorrat an Eingefrorenem, den sie nun zu verseifen gedenken. Kann man machen… muss man vielleicht nicht.

Unabhängig von skurrilen Beimengungen ist allen Rezepten jedoch gemein, dass man diverse Öle und Fette und eine enstprechend darauf abgestimmte Menge an Natronlauge miteianander vermengt. Alles andere ist schmückendes Beiwerk. Farbe, Parfum. Es gibt nix, was es nicht gibt.

Um Natronlauge zu bekommen, löst man kristallines Ätznatron in Flüssigkeit. Die Natronperlendramaqueens gehen natürlich nicht ohne Show in Lösung. Es wird empfohlen, das Wasser (aqua dest. bitte) vorher anständig zu kühlen – oder, für die Profis unter uns 😉 sogar einzufrieren und das Natron dann über die Eiswürfel einrieseln zu lassen

Da ich erst mal zum Testen wirklich nur eine Mini-Charge mit insgesamt 200 g Fett anrühren wollte, brauchte ich auch nicht viel Wasser und ca. einen Esslöffel von den Natronperlen. Das sind natürlich nicht die akkuraten Angaben. Die Fachliteratur und die diversen Foren raten dringend davon ab, einfach so ein Rezept “nachzukochen”. Man soll immer mit einem sogenannten “Seifenrechner” noch mal prüfen, ob die Menge an Wasser / Flüssigkeit und die Menge an Natron auch zu den gewählten Ölen und Fetten und sonstigem Gedöns passt, den man zu kombinieren gedenkt.

Diese Rezepte kann man dann auch hübsch benamsen und ausgedruckt an die Küchenwand pinnen, damit man alles vor Augen hat.

Ich habe mein erstes Rezept “AvoCoCado” genannt. Weil Avocadoöl, Cokosfett und Cakaobutter drin sind. Ja, ich weiss. Avô ist brasilianisch und heisst Grossvater. “coçar” heisst “jucken”. In Brasilien wäre diese Seife nicht wirklich der Verkaufsschlager. In einer Liga mit dem Mitsubishi Pajero sozusagen. Egal. Noch bin ich stückzahlenmässig nicht ansatzweisse für den Export gerüstet.

Hat man die Öle und Fette zusammengeschmolzen (Kakaobutter kommt in so kleinen Chips und das gute alte Palmin in schokoladenähnlichen Tafeln) und die Lauge hergestellt, lässt man die beiden Flüssigkeiten abkühlen und giesst dann die Lauge über ein Sieb in das Fett.

Mit dem Sieb soll verhindert werden, dass eventuell nicht aufgelöste Laugenperlen leise kichernd in der Seife verbleiben und dann beim Waschen für unangenehme Überraschungen auf der Haut sorgen. Horatio… Criminal Minds.. Ihr wisst schon…

Dann wird’s rührend. Ich habe erst mal mit einem Sushistäbchen aus Kunststoff angefangen

Die Dinger sind viel zu glatt für Sushi, aber hierfür waren sie i-de-al, weil schön lang und leicht abzuspülen sind.

Nächste Stufe war dann mit einem Schneebesen (hier undokumentiert), gefolgt von einem Pürierstabeinsatz:

Es ist ganz gut erkennbar, wie sich die Konsistenz der Masse mit fortschreitendem Emulgieren verändert. Im ersten Bild noch wie reines Öl, dann schon eher milchig, noch milchiger

und zum Schluss dann wirklich wie Pudding

Ich konnte es natürlich nicht lassen und habe aus meinem Vorrat an bunten Pudern und Pülverchen, die in der Kiste mit dem Flamingomuster im Schlafzimmer schlummern, die Glitzerpigmente rausgeholt. Mit ein bisschen Neonpink vermischt, wirklich nur eine Messerspitze voll, tönt sich der Vanillepuddingseifenleim in etwas Lachsfarbenes. Bin gespannt, ob man den Glitter auch sehen kann, wenn die Stücke fertig sind. In der o.g. englischsprachigen FB-SeiSieGru diskutierte man auch über Glitter in Seifen. O-Ton einer Dame “my husband does not want glitter on his dick”.  Nein, ich habe es nicht kommentiert. Obwohl es schon verlockend war 🙂

Und am allerbesten ist – man kann die ganzen Utensilien mit dem Rest Seifenpudding dran einfach stehen lassen. Das verseift sich über Nacht selbst und morgen lass’ ich einfach heisses Wasser drüber laufen und spüle es dann ab. Selbstreinigend sozusagen.

Wenn der Seifensprotz in der Form ausgehärtet ist, kann man ihn herauslösen. Das sieht dann so aus – Ladies and Gentlemen – I proudly present my first homemade Seife:

Pretty in Pink. Nicht perfect. Rosa Seifenstücke mit Ecken und Kanten. Ohne Instagram-porenlos-Filter. Meine Erstlinge. So muss eine Mutter sich fühlen, wenn sie ein völlig zerknittertes Neugeborenes anguckt 🙂

Blöd ist, dass Seife reifen muss. Sollte. Es gibt Verfahren, sogenanntes Hot Processing, wo der ganze Kram bei 80 Grad im Ofen schnellverseift wird. Dann soll die angeblich schon am nächsten Tag einsatzbereit sein. Werd ich bestimmt auch mal ausprobieren. Die normale kaltgerührte Seife soll man aber ein paar Wochen stehen lassen, damit sie noch ein bisschen trocknen kann und sich setzt. Mein Rezept ist am 17.2. soweit….  Ich bin gespannt.

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